Jetzt bin ich ja schon fast sechs Wochen hier, aber erst gestern habe ich dieses wunderbare bloggen entdeckt, daher werden die letzten Wochen in einer komprimierten Fassung, gespickt mit kleinen Highlights, erwähnt.
Also, Argentinien war ja nicht mehr so ganz neu für mich, daher war es auch am Anfang natürlich wieder mal interessant, aber nicht ganz so spektakulär und ungewohnt. Aber Buenos Aires kannte ich nur von der Touriseite und nicht so den Alltag in dieser tollen Stadt. Ich wohne mit Matias mitten drin, also wirklich mittendrin! Das bedeutet ca. 7 cuadras (hier wird alles in cuadras, also Blöcken angegeben, da die Städte nach dem Schachbrettmuster angelegt sind) vom Wahrzeichen der Stadt, dem Obeliks, entfernt. Praktischerweise war meine Unterkunft schon vorher organisiert, ich wurde am Flughafen abgeholt und konnte direkt die Schlüssel in Empfang nehmen. So weit, perfekt. Die Wohnung ist eine schöne Altbauwohnung, zwei kleine Balkone gehen nach vorne raus und man kann den Bussen beim Vorbeirauschen zusehen, bei schönem Wetter auch ein Glas Wein dort trinken oder ein Zigarettchen rauchen...
Unser Vermieter heißt Ricardo, auch Ricardito genannt, ist Tangolehrer der alten Schule, eher ein verbaler Haudegen, aber alles in allem ist die Miete top, die Lage erst recht, die Zimmer schön...zwischendurch waren wir zu fünft - drei Prototypitaliener fortgeschrittenen Alters beglückten uns mit ihrer Anwesenheit - und die Zweier-WG-Symbiose wurde leicht gestört. Jetzt sind sie abgereist und es ist wieder Frieden eingekehrt im Big-Brother-Sister-Container Libertad 70. Als ich dem Chefredakteur vom Tageblatt sagte, dass ich in der Straße Libertad wohne, meinte er: "Ach, die Hehlerstraße". Und ja, wenn ich so rumschaue, prangt ein "compro oro" (Goldankauf) Laden neben dem anderen, es gibt Uhren und Schmuck in allen Facetten...ob das wirklich alles geklaut ist oder vom Lastwagen runtergefallen, bezweifel ich trotzdem. Die nächste Parallelstraße bietet dafür alles, was das Trommlerherz begehrt: TAMA, Zubehör...elektrische Gitarren, alles rund ums Thema Musikinstrumente. Dann gibt es ein paar Straßen weiter nur noch Läden mit kleinen Perlen, zum Schmuck selber machen...ich finde es faszinierend, dass das funktioniert, und die gegenseitige Konkurrenz nicht zu stark ist.
Doch nochmal zurück zu meinen ersten Wochen. Ich schrieb an Susanne, die Redakteurin, dass ich dann um 9 Uhr am ersten Arbeitstag da sein werde. "Nein! Du musst erst nachmittags kommen." Also, meine Arbeitszeiten sind langschläferkompatibel, und ideal, wenn man den Vormittag in der Sonne verbringen will. Ich habe daher jetzt dienstags und donnerstags einen Tanzkurs gebucht, bei dem ich mich fast 1 Stunde lang in den unnachgiebisten Posen dehnen muss, um dann in modern-dance Tanzschritte eintauchen zu können. Das ganze ist so eine Art VHS, die Lehrerin ist super nett und die Mittänzerinnen sind fast ausschließlich Frauen: einige Katalaninnen, eine Italienerin und natürlich Argentinerinnen. Wir sind Anfängerinnen, aber einige sehen doch gefährlich nach Akrobaten oder Ballettänzern aus...aber es macht Spaß.
Das Tageblatt habe ich ja bereits intensivst vorher kennen gelernt, allerdings eher von der akademischen Seite. Nach dem Motto: Quellen? Themen? Länge der Artikel, mit Foto, ohne Foto...? Jetzt sehe ich es von der rein praktischen Seite und die Zeitung gefällt mir immer besser. Die erste Woche war zum Eingewöhnen, dann kam auch gleich ein Feiertag, in der zweiten ging es dann richtig los, denn für die Sonderausgabe konnte ich mich mit einem frei gewählten Artikel austoben. Dann kamen gleich Pressekonferenz, Theaterbesuch mit Kritik dazu, einige Interviews....ich war beschäftigt und zufrieden. Ja, es gefällt mir gut dort. Das Gebäude liegt im Zentrum, aber gerade jetzt, also in zwei Tagen, zieht die Zeitung um - nach Belgrano. Das ist ein Stadtteil, der etwas ausserhalb liegt und wohl für die vielen ehemaligen Deutschen, die dort leben, bekannt ist. Ich werde es verschmerzen, aber es war schon sehr angenehm, zur Arbeit laufen zu können. Jetzt werde ich intensiv subte (Ubahn) fahren, und das bedeutet hier: höchste Temperaturen trotz Deckenventilatoren und in den Stoßzeiten muss man schon mal mehrere Bahnen sausen lassen, bis man mitkommt. Allerdings werde ich mich, wie die Argentinier, vor die weiße Markierung stellen, ohne jeglichen Sicherheitsabstand zum Gleis...am Anfang habe ich mich gewundert, warum alle so am Gleisrand kleben - jetzt weiß ich es. Die Bahn rollt ein, und wer zuerst kommt, malt zuerst, das heißt, fährt...wer brav hinter der Linie steht, bleibt zurück. So war es bei mir. Doro alleine am Gleis.
Fantastisch, wie ich finde. Zuckerbäckerarchitektur neben kolonialem Stil, Modernes neben Herkömmlichem, leicht Marodes neben Glitzerfassaden. Buenos Aires ist nicht einheitlich wie Madrid, hat dafür aber Lebendigkeit und viel Charme. Auf den schmalen Bürgersteigen kann man sein Gleichgewicht aktiv trainieren- es ist eng, ständiges Ausweichen ein Muss und die Gehwege weisen hier und da mittelgroße bis riesige Löcher auf. Nix für Rollstuhlfahrer oder alte Leute. Obwohl die sich hier ganz tapfer schlagen und in einem gemächlichen Tempo unheimlich breite Straßen überqueren. Da hier fast alles Einbahnstraßensystem ist, ist es relativ einfach. Den Kopf einfach nach rechts oder links drehen, das kann aber auch manchmal schief gehen, dann zur großen Überraschung gibt es dann hin und wieder auch Straßen mit Autoverkehr auf beiden Spuren. Also, ojito hier! Beinahe wäre mir das zum Verhängnis geworden. Taxis warten grundsätzlich nicht an den Ecken, sondern schneiden diese gerne scharf und schnell.
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