„Sie haben jetzt 30 Sekunden Zeit!“
Zum ersten Mal seit über einem Jahr fährt er wieder, der Zug in die Wolken
Es ist noch dunkle Nacht, aber die Schlange vorm Schalter bei Ecotren ist schon lang. Das Fernsehen ist da und filmt. Zum ersten Mal seit über einem Jahr rollt er nun endlich wieder – der Zug in die Wolken. Tickets gab es vorher im Internet und der Zahlencode verrät, in welchem Wagen und auf welchem Platz man die nächsten 16 Stunden verbringen wird. Das Publikum ist international, aber auch viele Argentinier gönnen sich die Fahrt von 130 Dollar. Die Wagen sind frisch gestrichen, der Betreiber hat gewechselt und alles soll nun anders und ein wenig besser werden. Die Zugbegleiter sehen aus wie professionelle Stewardessen und Stewards, die Berufskleidung in klassischen dunklen Farben, der Name der jeweiligen Person am Kuvert, wenn man Fragen hat. Der Service ist perfekt, fast zu perfekt: beim Verschütten eines halben Kaffees, der kaum Spuren auf dem Boden hinterlässt, ist sofort das Reinigungspersonal zur Stelle und wischt, wo es nichts zu wischen gibt. “Guten morgen liebe Passagiere. Wir verlassen nun Saltabahnhof und bitten Sie, die Fensterjalousien geschlossen zu halten“. Erzählt wird auf spanisch und englisch: über die Streckenführung, über die Entstehung des Namens „Salta“ – die Schöne, über die Tabakanbaugebiete, die draußen vorbeiziehen. Langsam wird es hell und die Jalousien gehen hoch. Zweige der dichten, saftig-grünen Bäume schlagen gegen die Zugwand. Der Zug klettert in den nächsten Stunden auf stolze 4.200 Meter Höhe und ist damit eine der höchsten Zugstrecken weltweit.
Nacho, der Betreuer in Wagen 3, kommt selbst aus der Gegend, hoch oben in den Bergen, aus San Antonio de los Cobres. Er wirkt fast schüchtern am Anfang, das Englische bereitet ihm etwas Mühe. Als er ins Spanische wechselt und der Zug seinem Heimatort immer näher kommt, taut er auf und seine Augen leuchten, als er erzählt: „Wir kommen jetzt nach San Antonio – mein Dorf.“ Die Passagiere applaudieren. Der US-amerikanische Architekt Ricardo Fontaine Maury plante und entwickelte die Strecke; eine Meisterleistung der frühen Eisenbahnkunst. Gleich zwei Kniffe hat er auf den 217 km, die der Zug in die Wolken zurücklegt, eingebaut. Einmal die sogenannte „Rueda“, eine Kehre in der Gleisführung, die es dem Zug ermöglicht, schnell um 40 Höhenmeter zu klettern. Dann mehrere Zickzackführungen, die den Zug ebenfalls in kurzer Zeit an Höhe gewinnen lassen. Drinnen erzählen Nacho und seine herzliche Kollegin um die Wette. Wer zuhören möchte, lauscht, ansonsten bietet das Panorama draußen genug Ablenkung. Das satte Grün ist sanften Braun – und Ockertönen gewichen.
Es ist trocken, Staub weht durch die Fenster herein, die kurz zum fotografieren offen sind. Knallblauer Himmel, klare Luft. Die Riesenkakteen, deren Holz auch zum Bauen verwendet wird, recken sich wie mahnende Zeigefinger in die Luft. Einige sehen aus wie ganze Hände, andere eher wie ein einzelner Daumen. Der Zug fährt gemächlich, überquert 29 Brücken und fährt durch 13 Tunnel. Plötzlich taucht einer davon auf. Achtung, Kopf einziehen! Es wird eng. Dann der lang erwartete Moment – der Viadukt „La Polvorilla“, der Höhepunkt der Reise. Eine Stahlkonstruktion, mittlerweile farblich etwas verblasst, auf über 4.000 Meter. Architektonisch ein Geniestreich, da er mit seinen 224 Metern die Senke zwischen den Bergen überspannt und 1.600 Tonnen wiegt, und das in dieser Höhe. Bei der Fertigstellung haben die Arbeiter sicherlich geächzt und nach Luft gerungen. 14 Jahre dauerte die Fertigstellung.
„Sie haben jetzt maximal 30 Sekunden, um den Viadukt zu sehen“, kündigt der Reisebegleiter an. Was er damit auslöst, ist ein hektisches Fingern nach den Kameras, ein freundlicher aber bestimmter Kampf um die begehrten Fensterplätze auf der linken Seite und ein Anflug von Panik, DEN Anblick zu verpassen. Aber der Stress war unnötig. Argentinische Hilfsbereitschaft ermöglicht es, sich kurz fürs Foto ans Fenster zu pressen oder wagemutig rauszulehnen, die Tiefe von über 70 Metern unter einem. Der Zug biegt gemächlich um die Kurve – die Brücke erscheint und das Knipsen und Filmen geht los. Geschafft! Das Bild ist im Kasten. Dann entschwindet das Highlight auch schon wieder. Aber jetzt kommt das eigentliche Spektakel: die Überquerung. In Schrittgeschwindigkeit geht es darüber, Köpfe hängen aus den Fenstern, T-shirts von Fußballklubs wehen aus dem Abteil. Die Nachmittagssonne wirft lange Schatten der Metallkonstruktionen auf die Berge. Die Trasse ist schmal und der Blick geht senkrecht runter. Wer Höhenangst hat, sollte lieber drinnen bleiben, denn der Anblick in die Tiefe ist nicht ohne.
Nun beginnt die Rückfahrt. Noch ein Halt, noch einmal Fotos, dann wieder weiter. Die Höhe hat es in sich. Wem die Luft wegbleibt, kann einen tiefen Atemzug am Sauerstoffgerät machen. Außerdem fährt ein Krankenwagen die gesamte Strecke parallel zur Zugstrecke mit. Plötzlich jappst eine Frau. Die Kokablätter haben wohl nicht ihre gewünschte Wirkung getan, die die meisten Passagiere brav in ihren Backentaschen malmen. Die Sitzgruppe stützt sie, aber sie wird fast ohnmächtig. Mit gemeinsamen Kräften ziehen sie sie zum rettenden O2. Und dann noch ein zweiter Stop, der ein wenig „Kaffeefahrtcharakter“ hat. Der Zug hält in San Antonio. Alpaka in allen möglichen Variationen gibt es in der kalten Abendluft: „Señorita, quiere comprar“? „Möchten Sie etwas kaufen?“ Die Verkäufer strecken Socken, Pullis mit Lamaapplikation und Mützen entgegen. Dann geht es endgültig zurück. Dieselbe Strecke wirkt im Abendlicht noch einmal anders, die Berge leuchten in sanften Farben. Die Waggons rattern durch die Nacht. Nach einigen Stunden dann plötzlich ein ungeplanter Halt auf offener Strecke. Der Zug steht und steht und steht, aber die Leute bleiben gelassen. Nur Nacho und seine Kollegin eilen mit ernsten Gesichtern durchs Abteil. Was ist los? Keiner sagt was, keiner weiß was. Dafür wird ein Abendessen auf Kosten des Zugbetreibers angeboten, und alle Mitarbeiter, inklusive Zugclown, balancieren die Spaghettiteller durch den gesamten Wagen. Um die Leute bei Laune zu halten, taucht plötzlich der Clown, der eigentlich für die Kinder gedacht ist, im Abteil auf, zaubert Tauben aus seiner Tasche und erzählt argentinische Witze. Das Abteil grölt und trotz Wartens ist die Stimmung gut. Lehnt man sich weit raus aus dem Fenster, in die dunkle Nacht, leuchtet ein Sternenhimmel so klar, dass er dem verirrten Zug den Weg weisen könnte. Die fallenden Sternschnuppen ermöglichen unzählige Wünsche, einer davon, es möge bald weitergehen. Dann endlich ruckelt es, der Zug setzt sich in Bewegung. Um halb zwei Uhr nachts endet die Jungfernfahrt wieder am Bahnhof von Salta. Die Fahrgäste betreten festen Boden, aber der Kokageschmack im Mund hält noch eine Weile an.
Patrioten, hoch zu Ross
Man kann die Anden überfliegen oder motorisiert überqueren. Aber es geht auch anders – auf dem Rücken eines Pferdes.
Er ist klein, stämmig, durchtrainiert und muskulös. Man traut ihm sofort zu, ein störrisches Pferd durch einen Gebirgsbach zu führen. Beim Erzählen von der Landschaft, hoch oben im Gebirge der Provinz Mendoza, an der Grenze zu Chile, kurz vorm höchsten Berg Lateinamerikas, dem Aconcagua, gerät er ins Schwärmen. Draußen sein in der Natur, das ist sein Ding. Martin Cavallo leitet die Gruppe der historischen “Cabalgatas”, des zehntägigen Ausritts, auf den Spuren San Martíns. San Martín, ein Name, der einen in Argentinien buchstäblich verfolgt. “Straße San Martín”, “Stadt San Martín”, San Martín begegnet einem überall. Wer war dieser Mann, der so wichtig für das Land zu sein scheint, dass er im Straßenbild und in Monumenten so allgegenwärtig ist?
San Martín wurde als Sohn spanischer Eltern in Yapeyú im Vizekönigreich La Plata im heutigen Argentinien geboren. Er wuchs aber in Spanien auf und durchlief eine Offizierslaufbahn in der spanischen Armee, der er zwanzig Jahre lang diente. In dieser Zeit ergriff San Martín immer mehr Partei für das Unabhängigkeitsstreben der spanischen Kolonien in Südamerika. Er war Offizier in der westargentinischen Stadt Mendoza und unternahm von dort die abenteuerliche Überquerung der Anden nach Chile. San Martín gilt, neben Bolívar, als der Befreier Argentiniens. Daher die fast schon beängstigende Häufung seines Namens. Der „cruce de los patos“, über den San Martín mit seinen Leuten ritt, ist ein abenteuerlicher Pass. Der Ritt, den Martin Cavallo als Guide mit meist ausländischen Touristen macht, folgt genau dieser Spur. „Das Historische an der Andenüberquerung ist schon etwas Besonderes, auch für das eigene Nationalgefühl. Aber auch die Landschaft ist unglaublich. Fast nirgends sonst hat man eine solche Vielfalt,“ schwärmt Martín. Besondere Kenntnisse, was das Reiten oder die Berge angeht, brauche man nicht. Lust auf Natur, denn man ist die zehn Tage nur draußen, kocht im Freien und schläft auch manchmal unter freiem Himmel, das ist es, was er von seinen Teilnehmern erhofft. „Viele Leute sind aus der Stadt und wissen garnicht mehr, was es bedeutet, mit der Natur zu leben.“ Martín Cavallo ist ausgebildeter Bergführer, spezialisiert auf die Höhe. „Sich mit dem Berg auskennen, das Klima einschätzen zu können, aber auch Erste Hilfe im Notfall leisten, das sind die Sachen, die von einem Bergführer erwartet werden. Aber natürlich ist der Spaß, die eigene Begeisterung vermitteln zu können und ein Händchen für Leute, genauso, wenn nicht sogar am wichtigsten bei meiner Arbeit.“ Das Besondere an diesem Ritt ist die Geschichte/das Historische: beim Reiten und während der Rast erfahren die Teilnehmer wichtige Hintergrundinfos über die Geschichte Argentiniens. Und das Besondere für Martín Cavallo ist genau dies – denselben Weg wie San Martín zu nehmen. An eine Sache kann er sich besonders gut erinnern. Ein 14-jähriger Teilnehmer war entweder so von der argentinischen Flagge oder von der Idee San Martíns begeistert, dass er die Fahne den gesamten Ritt „hoch zu Ross“ trug. Martín Cavallo liebt besonders den Abschnitt „El Espinacito“ – „Die kleine Gräte“, der höchste Punkt von Allen, 4.500 Metern über dem Meeresspiegel. Das Besondere an diesem Punkt ist die Aussicht: von hier kann man fast die ganze Strecke überblicken, mit dem Aconcagua im Hintergrund.

Außerdem ist es der höchste Punkt, der jemals von einer Befreiungsarmee beritten wurde. Tausende von Metallplaketten erinnern daran. Abends kreist der Mate, man sitzt am Feuer und schläft in Zelten, oder, wer den fantastischen Sternenhimmel genießen möchte, direkt unter freiem Himmel.
An diese besondere Form der Andenüberquerung denkt man noch lange zurück: das eigene, vielleicht ungeübte Sitzfleisch wird vielleicht eine Zeit lang ein lebendiges Andenken sein, aber vor Allem die Erfahrung in der Natur und mit der Gruppe machen es so unvergesslich.
Der Busen wogt und die Pomade glänzt
Gewagte Dekolletés und Männer mit Mittelscheitel. Das 7. Tangofest ging am Samstag, den 30. Mai zu Ende
Es beginnt sinnlich, mit wohl dosierten Schritten: das Tangofinale des 7. Tangowettbewerbs der Amateure in Buenos Aires. Zum ersten Mal gibt es neben der Kategorie “Tango Salón” und “Milonga”, auch die Kategorie “Waltz”. Die Paare sind in die Gruppe der "seniors" und "adultos”unterteilt. Die Finalisten hatten sich durch den gesamten Monat Mai getanzt und kämpften jetzt um das begehrte Preisgeld und den Ruhm. Als besonderes "Bonbon" dürfen die Gewinner der ersten vier Plätze der Kategorie “Tango Salón” am Halbfinale oder direkt am Finale der Tangoweltmeisterschaft im August 2009 teilnehmen. Die Stimmung in der Theater der Schule St. José ist gelöst. Jedes Paar hat seinen eigenen Fanclub mitgebracht und die Zuschauer rufen und applaudieren frenetisch. Auf die “seniors” folgen die "adultos" mit jeweils "Tangos" und "Milongas". Den Scheitel akkurat mit Pomade gegeelt, die Anzüge und Schuhe farblich aufeinander abgestimmt, eine blaue Haarspange passend zu den blauen Schuhen mit schwindelerregenden Absätzen. Die Gruppe "adultos" ist deutlich jünger, die Schritte gewagter: hier ein Kick, dort eine raffinierte Schleife mit der Fußspitze angedeutet. Und dann am Ende der entscheidende Moment: die Siegerehrung. Vom zehnten Platz wird runtergezählt bei der Verleihung. "Der zehnte Preis geht an” – eine endlose Pause entsteht, die Spannung steigt. Die Jury lässt sich in Sachen Spannungsaufbau nicht lumpen und macht Heidi Klum alle Ehre. Bis zur Schmerzgrenze ziehen sich die Sekunden bis zur Verkündung der Hauptgewinner. Als die Sieger feststehen, bricht der Jubel los und für das Foto posieren die überglücklichen Gewinner: er in Machosiegerpose, die Faust gegen die Brust schlagend, sie mit einem perfekten Lächeln - ganz Lady. Der Direktor des Festivals, Gustavo Mozzi, überreicht die Pokale. In der Kategorie “Tango Adulto” siegten Damian Jorge Mariño und Sara Parnigoni. Nestor Castillo und Mónica Ponce trugen denselben Preis in der Kategorie “Tango Senior” nach Hause, und bei der Milonga und dem Waltz waren Lida Mantovani und Cristian Sosa die glücklichen Gewinner. Die Jury war vom Ministerium für Kultur der Regierung von Buenos Aires Stadt ernannt worden.
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